Position der CDL Sachsen zur Spätabtreibung

Positionspapier „Spätabtreibung“

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CDL Sachsen: Positionspapier Spätabtreibung

CDL Sachsen: Positionspapier Spätabtreibung

Jährlich werden deutschlandweit über 116.000 ungeborene Kinder abgetrieben (2007). Allein in Sachsen wurde mit 6.353 Abtreibungen gegen jedes 6. Kind im Mutterleib entschieden. Der überwiegende Anteil davon – bundesweit rd. 97 % – innerhalb der ersten 12 Lebenswochen, nach vorangegangener „ergebnisoffener“ Beratung und Erteilung eines sogenannten „Beratungsscheins“. Da keine gegenteilige Information vorliegt, ist davon auszugehen, dass diese Kinder gesund waren.

Daneben gibt es jährlich etwa 2.300 ungeborene Kinder, für die erst weit nach der 12. Lebenswoche die Schwangerschaft der Mutter ein verfrühtes Ende findet. In diesen Fällen greift nicht mehr die Beratungsregelung nach § 218a Abs. 1 Strafgesetzbuch. Schwangerschaftsabbrüche zu diesem Zeitpunkt sind nicht mehr – wie vorher – ohne die Angabe (und Erfassung) von Gründen möglich, sondern nur noch, wenn nach ärztlicher Erkenntnis eine schwerwiegende Beeinträchtigung des psychischen und physischen Gesundheitszustandes der Mutter zu erwarten ist, der nicht anders abgewendet werden kann. In der Praxis ist das regelmäßig dann der Fall, wenn in den pränataldiagnostischen Untersuchungen eine mögliche Abnormität oder Behinderung des Kindes festgestellt wird. Entsprechend sind Behinderungen wie beispielsweise das Down-Syndrom um 97 % reduziert worden –Statistiken, die öffentlich als Erfolg präsentiert werden.

Die dafür einschlägige Diagnostik, wie Feinultraschalle, Nackenfaltenmessung oder Fruchtwasserpunktion, erbringt Untersuchungsergebnisse erst deutlich nach der 12. Schwangerschaftswoche. Liegt ein auffälliger Befund vor, so zieht dies in der Regel weitere fein-diagnostische Schritte nach sich, so dass „eindeutige“ Ergebnisse durchaus auch erst weit nach der 20. Schwangerschaftswoche vorliegen können. Ab der 23. Woche, je nach Gewicht auch früher, kann ein Embryo aber bereits lebensfähig sein. Das betrifft von den jährlichen 2.300 Abtreibungen nach der 12. Woche immerhin ca. 230 Säuglinge jährlich. Für den Ablauf der Abtreibung bedeutet das, dass ungefähr ab der 15. Lebenswoche die Schwangerschaft auf natürlichem Wege (durch eine vorfristig eingeleitete Geburt) mit einem toten Fötus beendet wird. In den über 200 Fällen nach der 23. Woche besteht dabei ein großes Risiko, dass ein lebendiges Kind zur Welt kommt – das dann von den Ärzten und Hebammen entgegen allen ethischen und medizinischen Grundsätzen nicht versorgt wird.

Beim Problem der Spätabtreibungen bedingen sich verschiedene Faktoren, die für eine Problemlösung differenziert betrachtet werden müssen. Verschärft wird das Problem durch die Tatsache, dass das generelle Unrechtsbewusstsein für Abtreibungen – zumindest für die ersten 3 Monaten – abgenommen hat. Schwangerschaftsabbruch als ein -steuerfinanziertes- Mittel der Familienplanung wird auch dadurch befördert, dass die Folgen einer Abtreibung gesellschaftlich, wirtschaftlich und auch im Rahmen der Wissenschaft ausgeblendet werden. Dies alles führt zu einem gesellschaftlichen Druck auf Eltern und zur Absenkung deren moralischer Hemmschwelle, sich gegen sein eigenes Kind zu entscheiden.

 
Im Zusammenhang mit Spätabtreibungen sind insbesondere folgende Faktoren problematisch:

  • Der berechtigte Wunsch nach einem gesunden Kind ist heute zu einem Anspruch geworden, auf den es ein ungeschriebenes Recht und zu dem es eine „gesellschaftliche Verpflichtung“ zu geben scheint.
  • Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchungen sind mit fortschreitendem technischem Fortschritt immer mehr dazu in der Lage, Abweichungen von der Norm aufzuzeigen. Dadurch werden Eltern heute mit immer mehr Diagnoseergebnissen konfrontiert, die sie oft nur bedingt einschätzen und werten können.
  • Bei einem gleichzeitigen Anstieg des Durchschnittsalters der Mütter ist die Einschätzung einer Risikoschwangerschaft (> 35 Jahre) häufiger und entsprechend eine damit einhergehende Feindiagnostik und zusätzliche Untersuchungen, um „Risiken“ auszuschließen.
  • Das Recht auf Nichtwissen wird immer weniger respektiert und beim Vorliegen der Diagnose einer (möglichen) Behinderung des Kindes wird regelmäßig seitens des Arztes auf die Möglichkeit einer Abtreibung hingewiesen – nicht zuletzt aus Angst vor einer Schadensersatzklage der Eltern.
  • Die Möglichkeit der Abtreibung wird als befreiende Lösung wahrgenommen, als eine kurzfristige Beendigung eines Problems – über die Konsequenzen der tatsächlichen Durchführung, über die emotionale Belastung durch diesen Vorgang, über die Spätauswirkungen und die möglichen Alternativen zu einem Leben mit einem behinderten Kind wird nur in den seltenen Fällen umfassend aufgeklärt, wo die Mutter freiwillig und selbständig eine Beratung aufsucht.

 
Mit dieser Vorgehensweise, die durch die Gesetzgebung und höchstrichterliche Schadensersatzurteile gegen Ärzte gefördert wird, wird aber die Verantwortung für die Beendigung des Lebens des ungeborenen Kindes auf die Mutter delegiert. Schon die Ablehnung einer feindiagnostischen Untersuchung ist nur mit Unterschrift möglich, die dokumentiert, dass der Arzt die Schwangere über mögliche Entwicklungsrisiken und Untersuchungsmethoden aufgeklärt hat. Damit beginnt bereits der Druck, falls die Frau sich gegen Untersuchungen oder – trotz einer Diagnose – für ein behindertes Kind entscheidet. Obwohl in Deutschland kein Zwang zur Abtreibung eines behinderten Kindes existiert, besteht bei einer Entscheidung gegen die „vernünftige“ oder „normale“ Vorgehensweise latent ein Rechtfertigungszwang.

Weitaus schwerwiegender ist aber, dass nicht sicher gestellt ist, dass bei der (überwiegenden) Annahme von Spezial-Untersuchungen über die möglichen Folgen der Untersuchung selbst oder der Diagnose informiert wird. Stattdessen wird die Entscheidung über Leben und Tod des eigenen Kindes der Mutter in einem emotionalen Ausnahmezustand überlassen. Dies mit einer staatlich erlaubten Aufhebung des Tötungsverbotes – ohne aber gleichzeitig gesetzlich sicherzustellen, dass eine umfassende Information und Abwägung stattgefunden hat.

Niemand wird unterstellen, dass sich eine Mutter leichtfertig gegen ihr Kind entscheidet oder Ärzte und Hebammen statt zu helfen, gerne Hilfe unterlassen. Durch gesetzliche Regelungen und Haftungsrisiken für die Ärzte ist aber aktuell eine Situation für die betroffene Frau geschaffen worden, unter denen sie im Zweifel nicht ausgewogen über die Möglichkeit eines erfüllten Lebens mit einem behinderten Kind informiert wird und anschließend den Rest ihres Lebens mit der Schuld leben muss, eine irreversible Entscheidung getroffen hat.

Es ist daher dringend geboten, eine gesetzliche Neuregelung anzustoßen, die die einsame Verantwortung der Mutter reduziert Gleichzeitig müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen familien- und behindertenfreundlicher werden. Dabei sollte auch wieder im Sinne des christdemokratischen Grundsatzprogrammes betont werden, dass Leben grundsätzlich ein Geschenk ist, das nicht vom Menschen gestaltbar sein darf.

 
Für die Politik ergeben sich aus dem Vorgenannten folgende konkreten Handlungsforderungen:

  • Der Gesetzentwurf der CDU/CSU-Fraktion mit einer verpflichtenden Beratung und Bedenkzeit von 3 Tagen zwischen Diagnose und Abbruch sollte auch auf landespolitischer Ebene unterstützt werden.
  • Es muss eine umfassendere Beratungspflicht bereits vor den ersten weiterführenden vorgeburtlichen Untersuchungen verankert werden.
  • Durch familienpolitische Maßnahmen muss die gesellschaftliche Akzeptanz erhöht werden. Da häufig Geschwisterkinder abgetrieben werden, sollten die Maßnahmen zum einen die Förderung von sogenannten Mehrkind-Familien beinhalten. Zur Erhöhung der Akzeptanz einer Schwangerschaft und der Unterstreichung, dass dem Freistaat jedes Kind (auch jedes ungeborene als ein zukünftiger Einwohner) willkommen ist, sollte aber auch über die Gewährung einer familienpolitischen Leistung bereits ab Empfängnis nachgedacht werden.

 
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