Kirche fordert unabhängige Beratung vor Spätabtreibungen

Quelle: idea e.V. Evangelische Nachrichtenagentur – 04.05.2009

Gegen Automatismus von diagnostizierter Behinderung und Abtreibung
München (idea) – Spitzenrepräsentanten der bayerischen Landeskirche fordern eine unabhängige psychosoziale Beratung für Frauen, die ein möglicherweise behindertes Kind erwarten. Bei dieser Diagnose können Abtreibungen bis unmittelbar vor Einsetzen der Wehen straffrei vorgenommen werden. Nach Angaben von Landesbischof Johannes Friedrich (München) und Synodalpräsidentin Dorothea Deneke-Stoll (Ingolstadt) folgt der Feststellung einer wahrscheinlichen Behinderung des ungeborenen Lebens meist eine Abtreibung. Viele Frauen fühlten sich sogar zur Spätabtreibung gedrängt. Um sie vor einer solchen Zumutung zu schützen, bedürfe es einer Mindestbedenkzeit von wenigstens drei Tagen, heißt es in einer Pressemitteilung der Kirchenleitung. Laut Friedrich und Deneke-Stoll ist eine gesetzliche Regelung nötig, „damit Frauen sich nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn sie neben der medizinischen Information auch eine unabhängige Beratung in Anspruch nehmen“. Anlass für ihre Erklärung ist die bevorstehende Entscheidung des Bundestags über eine Neuregelung von Spätabtreibungen. Dem Parlament liegt ein fraktionsübergreifender Gruppenantrag der Abgeordneten Johannes Singhammer (CSU), Kerstin Griese (SPD), Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) und Ina Lemke (FDP) vor, der eine Beratungspflicht der Ärzte sowie eine dreitägige Bedenkzeit verlangt. Aus Sicht der Kirche kommt dieser Antrag dem notwendigen Neuregelungsbedarf am nächsten. Friedrich und Deneke-Stoll bestehen jedoch auf einer weiteren unabhängigen Beratung, um eine denkbare Beeinflussung durch ärztliche Interessen auszuschließen. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr nach offiziellen Angaben 231 Spätabtreibungen. Das sind Abtreibungen nach der 23. Schwangerschaftswoche – also zu einem Zeitpunkt, an dem das Kind bereits außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist.

Kritik aus CSU: Unrecht des Tötens bleibt
Einigen Politikern und Lebensrechtlern geht die geplante Neuregelung nicht weit genug. Nicht das Unrecht der Tötung eines Kindes werde geändert, sondern das Verfahren, kritisierte der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (Aschaffenburg) bei einer Veranstaltung zur „Woche für das Leben“ in Selb. Die Abtreibung eines lebensfähigen Kindes dürfe nicht hingenommen werden. Geis forderte, das Leben von ungeborenen Kindern auch gegenüber der Mutter zu schützen. Kritik gab es bei dieser Veranstaltung auch an der bayerischen Synode. Dieses Gremium habe für eine „ergebnisoffene“ Beratung plädiert, obwohl es bei Entscheidungen über Leben und Tod keine Ergebnisoffenheit geben könne, sagte Pfarrer Andreas Münster (Selb). Die Ärztin und Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht, Claudia Kaminski (Köln), bezeichnete die Zahlenangaben über Spätabtreibungen als viel zu gering. Durch moderne Fruchtwasser- und Ultraschalldiagnostik – etwa über die Nackenfaltenmessung – würden über 95 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom vorgeburtlich diagnostiziert, von denen 82 Prozent getötet würden. Oft werde auf Verdacht abgetrieben, um späteren Regressforderungen zu entgehen. Mehrere Eltern behinderter Kinder hätten Ärzte erfolgreich auf Schadensersatz verklagt, weil eine Behinderung nicht festgestellt und ihr Kind nicht abgetrieben wurde.